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Der erste “Lobbyist” von Wien

Text von Michael Laczynski, erschienen in Die Presse am Sonntag 15.7.2018.

Zwischen Kunst, Chronik und Stadtforschung: Der Fotograf Wolfgang Thaler bildet alle Hotellobbys in Wien ab. Das Mammutprojekt n├Ąhert sich langsam der Zielgeraden.

Die Maxime, wonach sich ├╝ber Geschm├Ącker nicht streiten l├Ąsst, gilt nicht nur f├╝r so wichtige Dinge des Lebens wie Musik, Mobiliar, Mode oder die Wahl des Lebenspartners, sondern auch f├╝r die trivialeren Aspekte des Alltags – beispielsweise die bevorzugte Unterkunft auf Reisen. W├Ąhrend manche Zeitgenossen die schw├╝lstige Opulenz des Schlosshotels bevorzugen, zieht es andere hin zu den strengen Linien modernistischer Wohnregale aus der Wirtschaftwunder├Ąra der Nachkriegszeit. Es gibt Freunde sozialistischer Intourist-Bettenburgen; eingefleischte Anh├Ąnger in W├╝rde ergrauter, leicht abgenutzter Etablissements a la Wes Anderson; designaffine Kundschaft, die ohne Philippe Starck-Nachttischlampe schlecht schlafen kann; oder vielgereiste Hotelveteranen, die in erster Linie darauf achten, ob sich die Fenster im Zimmer ├Âffnen lassen und das Personal hinter dem Tresen der Hotelbar einen passablen Negroni mixen kann.

Im Gegensatz zu den oben erw├Ąhnten Vorlieben nimmt sich der Hotelgeschmack von Wolfgang Thaler geradezu eklektisch aus. Er besucht jede Unterkunft. Und zwar ausnahmslos jede. Die einzige Voraussetzung: Es muss sich um ein Hotel in Wien handeln. Denn der Fotograf und K├╝nstler hat sich zum Ziel gesetzt, alle Hotellobbys in der Bundeshauptstadt abzubilden. Eine aktuelle Hochrechnung, um die Gr├Â├čenordnung des Unterfangens besser einordnen zu k├Ânnen: Derzeit gibt es in der Donaumetropole, grob gesch├Ątzt, 400 Hotels. Jedes verf├╝gt ├╝ber einen Eingangsbereich f├╝r G├Ąste – und all diese Lobbys sollen bis Jahresende im Kasten sein. Kasten insofern, als Thaler, der in seiner Arbeit die Grenzen zwischen Kunst, Dokumentation und Stadtforschung verwischt, mit einer analogen Gro├čformatkamera arbeitet und – f├╝r die Dauer dieses Projekts – das Digitale scheut.

Melange und Mep’Yuk

Die seit mehreren Jahren laufende Mammutaufgabe – Arbeitstitel “Wien Hotel” – ist f├╝r den geb├╝rtigen Salzburger gleich in doppelter Hinsicht eine R├╝ckkehr zu den Wurzeln. Im Jahr 1995 brachte Thaler gemeinsam mit der Journalistin (und nunmehrigen ORF-Moderatorin) Clarissa Stadler ein Buch ├╝ber die zartrosige Wiener Konditoreikette Aida heraus, deren Kardinalschnitten und Capresetorten aus dem ost├Âsterreichischen Di├Ątplan nicht wegzudenken sind: “Mit reiner Butter”.

Anfang der Nullerjahre folgte eine weitere Publikation, die nichts mit kalorienreichen Mehlspeisen, aber vieles mit Interieurs und Stimmungen zu tun hatte: “Mep’Yuk”. Mehrere Jahre lang reiste Thaler rund um den Globus – von Mexiko City ├╝ber Sofia bis nach Tel Aviv – und kreierte ein imaginiertes, in sich geschlossenes Universum aus futuristisch anmutenden, menschenleeren Innenr├Ąumen, das sich ganz hervorragend als Kulisse eines fr├╝hen Films von Rainer Werner Fassbinder eignen w├╝rde. Der Name Mep’Yuk stammt ├╝brigens aus dem Klingonischen, einer fiktiven Sprache aus der Weltraumserie “Raumschiff Enterprise”, und bedeutet so viel wie “Plastik-Planet”.

Die Jahre danach verbrachte Thaler schwerpunktm├Ą├čig im s├╝d├Âstlich benachbarten Ausland und widmete sich gemeinsam mit den Architekturtheoretikern Maroje Mrduljas und Vladimir Kulic der Dokumentation des architektonischen Erbes der Sozialistischen F├Âderativen Republik Jugoslawien im Allgemeinen und dem OEuvre des Doyens des jugoslawischen Modernismus, Nikola Dobrovic, im Speziellen. Nun ist also wieder Wien an der Reihe. Doch warum ausgerechnet Hotellobbys?

Um diese Frage beantworten zu k├Ânnen, sollte man zun├Ąchst einmal einen Blick ins Fremdw├Ârterbuch werfen. Gem├Ą├č Duden beschreibt der r├Ąumliche Begriff Lobby eine “Wandelhalle im (britischen, amerikanischen) Parlamentsgeb├Ąude, in dem die Abgeordneten mit W├Ąhlern und Interessengruppen zusammentreffen”. Wer fr├╝her in der Lobby sa├č, hatte also in den allermeisten F├Ąllen ein gesch├Ąftliches Anliegen.

Sacrum und Profanum.

Diese mythologische S├Ąulenhalle, die es, wenn ├╝berhaupt, blo├č kurz in der unschuldigen, von Sicherheitsbedenken unbelasteten fr├╝hen Kindheit des Parlamentarismus gegeben haben muss, war bewusst als Zwischenraum konzipiert – als ein Bereich, in dem das demokratische Sacrum auf das b├╝rgerliche Profanum trifft.
Anders ausgedr├╝ckt handelte es sich bei der archetypischen Lobby um jene Stelle in der Membran der praktizierten Politik, die f├╝r Normalsterbliche durchl├Ąssig war. Die beiden Stichworte Membran und Durchl├Ąssigkeit f├╝hren uns zur├╝ck zu Thaler und den Wiener Vestib├╝len. Denn die Hotellobby ist f├╝r ihn eine Schnittstelle der lokalen und der internationalen Dimension – eine Schleuse, in der sich Touristen und Indigene begegnen. “Das Betreten der Hotellobby ist f├╝r den Einheimischen eine kleine Reise, w├Ąhrend es f├╝r den Reisenden den ├ťbergang zur Destination markiert”, sagt Thaler. “Es gibt au├čer der Lobby keinen anderen Raumtyp, der halb in und halb au├čerhalb der Stadt ist.” Wer an dieser Stelle auch an die Bahnhofshalle denkt, liegt zwar nicht g├Ąnzlich falsch, ist aber aus der Zeit gefallen, denn die einstigen Kathedralen des Massenfernverkehrs pr├Ąsentieren sich heute als grell ausgeleuchtete Einkaufszentren mit gut verstecktem Zugang zu den Bahnsteigen.

Radikal gegen Rankings.

Aus diesem Halb-Drinnen-Halb-Drau├čen folgt die zweite Erkenntnis: Eine gute Lobby muss unterschiedliche Zwecke erf├╝llen, um beide Zielgruppen anzusprechen. F├╝r den ersch├Âpften und von den Eindr├╝cken der fremden Stadt ├╝berw├Ąltigten Neuank├Âmmling ist sie Ruheoase und R├╝ckzugsort, f├╝r den unternehmungslustigen Einheimischen hingegen Treffpunkt und weltl├Ąufige Kulisse f├╝r anregende Gespr├Ąche – gern bei dem einen oder anderen Drink an der Bar.

W├Ąhrend Touristen ihre Unterkunft im Normalfall nicht nach der Ausgestaltung des Vestib├╝ls aussuchen, verh├Ąlt es sich bei den St├Ądtern genau umgekehrt. Es gibt Hotellobbys, die bei den Einheimischen beliebter sind als andere – wegen der Lage, wegen der Innenausstattung, oder wegen des Barmanns.

Er selbst will sich in dieser Hinsicht allerdings nicht festlegen – auch wenn er immer wieder nach seinen Lieblingslobbys gefragt wird. Ganz im Gegenteil: “Ich bin radikal gegen Rankings.” Die Entscheidung, wirklich alle Lobbys zu fotografieren, resultiert erstens aus dem Unwillen, eine ├Ąsthetische Selektion vornehmen zu m├╝ssen, und zweitens aus Respekt gegen├╝ber der Materie: “Ich nehme jedes Hotel gleich ernst, das Imperial genauso wie das Seminarhotel am Stadtrand.”

Es gibt aber noch einen dritten Grund: Die Freude, “einen Ort zu erkunden, ohne dazuzugeh├Âren”. Mit dieser Lust r├╝ckt Thaler in die N├Ąhe einer besonderen Spezies: des sogenannten “Lobby Lizard”. Bei diesen Lobby-Lurchen handelt es sich um Personen, die m├Âglichst viel Zeit in Hotellobbys verbringen – sei es als Hobby, sei es,weil sie das Vestib├╝l f├╝r eigene Zwecke nutzen.

Die Lobby als Hobby. “W├Ąhrend meiner Recherchen habe ich eine Frau kennengelernt, die ihre Beziehungsstreitigkeiten immer in Hotellobbys austr├Ągt”, berichtet Thaler. Auf diese Weise sei gew├Ąhrleistet, dass die Auseinandersetzung nicht eskaliert, weil die Lobby ein Ort ist, an dem es sich nicht geh├Ârt, die Stimme zu erheben. Eine ├╝blichere Art der Zweckentfremdung ist der R├╝ckzug in einen gem├╝tlichen Sessel, um von dort aus seinen Gesch├Ąften nachzugehen. Auch in der journalistischen Praxis ist die Lobby fest verankert – und zwar als Begegnungszone zwischen Reportern und gro├čen Tieren aus Politik und Wirtschaft, die gerade in der Stadt weilen und f├╝r Interviews zur Verf├╝gung stehen.

Apropos Menschen:

Die Hotellobbys in Thalers Arbeit sollen m├Âglichst frei von G├Ąsten, Besuchern und Mitarbeitern sein, um nicht vom Eigentlichen abzulenken – n├Ąmlich der Erschaffung eines zusammenh├Ąngenden Raums aus einer Bildserie. Um das zu erreichen, verwendet er lange Belichtungszeiten – zwischen 20 und 30 Sekunden. Auf diese Weise verschwinden vom Negativ alle Bewegungen, weil sie nicht lang genug belichtet werden, um auf dem Film Spuren zu hinterlassen. Zur├╝ck bleibt nur der pure Ort. Doch mittlerweile schleichen sich in dieses Lobby-Kontinuum immer ├Âfter Menschen ein. Der Grund? Die unentwegte Besch├Ąftigung mit den Smartphones. “Sie sind so in ihre Telefone vertieft, dass sie scharf bleiben”, stellt Thaler fest.

Im Reich der Zeichen.

An dieser Stelle taucht die Frage auf: Wenn sich die Hotellobbys zu einem Kontinuum zusammenf├╝gen, warum muss dann dieses Universum auf Wien beschr├Ąnkt bleiben? Die Antwort auf diese Frage bietet die Semiotik – ein weiteres Steckenpferd von Thaler, der ein Anh├Ąnger des franz├Âsischen Philosophen und Zeichentheoretikers Roland Barthes ist. Konkret h├Ąlt er nach Zeichen und Codes Ausschau, die die von der Umgebung an sich losgel├Âste Hotellobby in der ├Âsterreichischen Hauptstadt verorten. Es kann der Name des Fr├╝hst├╝cksraums sein (“Salon Sisi”), ein vergilbtes Theaterplakat im hintersten Eck, oder die goldene Bord├╝re, die die S├Ąulen des Empfangsbereichs ziert und an die Wiener Skyline erinnern soll. Thaler: “Zeichen erschaffen eine Achse zwischen dem Internationalen und dem Lokalen. Sie sind gewisserma├čen ein Portr├Ąt der Stadt.”

Wer sein Auge f├╝r die Zeichen und Codes schult, kann R├Ąume im Allgemeinen und Lobbys im Speziellen besser lesen. So l├Ąsst sich beispielsweise aus der Tatsache, dass sich im hinteren Teil der Lobby des Imperial Riding School Renaissance Vienna Hotels in Wien-Landstra├če eine eigene kleine Pelzboutique befindet, der Schluss ziehen, dass dieses Hotel von russischen Touristen frequentiert wird – was eine gewisse Logik h├Ątte, denn die russische Botschaftsresidenz und auch die russisch-orthodoxe Sankt Nikolaus-Kirche befinden sich ums Eck vom Hotel.

Hilfe vom BKA.

Dass das Werk demn├Ąchst vollendet werden kann, hat Thaler erstens seinem Durchhalteverm├Âgen und zweitens dem Bundeskanzleramt (BKA) zu verdanken. Im Jahr 2016 erhielt er f├╝r das Projekt das BKA-Staatsstipendium f├╝r Fotografie – was ihm den finanziellen Spielraum verschaffte, um mit der Arbeit voranzukommen. Unterst├╝tzung seitens der Wiener Tourismusbranche oder der abgebildeten Hotels gibt es nicht – was aber durchaus so bezweckt ist, denn Thalers Arbeit richtet sich nicht an Touristen oder Hoteliers und soll auch nicht als Werbung f├╝r die Wiener Gastfreundlichkeit verstanden werden.

Kommendes Jahr wird der Salzburger Verlag Fotohof das Hotellobby-Universum verdichten, mit literarischen und kunsttheoretischen Begleittexten garnieren und zwischen Buchdeckel pressen. Auch eine Ausstellung ist geplant. Bleibt zum Schluss die Frage, ob nach einer derart ausf├╝hrlichen Besch├Ąftigung mit Hotels einem die Lust am Hotelbesuch nicht vergeht. Thaler: “Ganz im Gegenteil. Ich mag Hotels und werde mich weiter mit ihnen besch├Ąftigen. Und zwar gern wieder als Reisender.”