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DAS HOTEL EUROPA
SALZBURG |
Text von Norbert Mayr
“Salzburg wurde Großstadt", erklärte 1953 der Ressortchef
für Stadtplanung, Architekt Otto Ponholzer im Wiederaufbaufieber.
In dieser Aufbruchstimmung entstand 1956/57 das Hotel Europa im ehemaligen
Park des bombenzerstörten Grand Hotel de l'Europé, einem
Luxushotel der Gründerzeit. Die “Silhouette" der Hotelscheibe
“erinnere an jene des UN-Gebäudes in New York", verlauteten die
Salzburger Nachrichten noch vor Baubeginn, und der austro-amerikanische
Architekt Richard Neutra beschrieb das Hochhaus als “turmgleich" aufwachsend
“über dem alten Bahnhof". Das Hotel Europa sollte dem Reisenden
bei seiner Ankunft in der geschichtsträchtigen Bischofsstadt
ein großstädtisch-modernes Lebensgefühl vermitteln.
Dem Architekten, Josef Becvar, war dabei die effektvolle Wirkung der
großen Nordfassade mit den bei Nacht von Innen beleuchteten,
schachbrettartig versetzten Gangfenstern ein Anliegen.
Sorgfältig ist auch die Südseite des Hotels gestaltet. Der
schmale Erschließungstrakt (Stiegenhaus und Lifte), der die
Vertikale betont, steht mit dem daran anschließenden horizontal
gegliederten Zimmertrakt in einem ausgewogenen Verhältnis. Zweigeschoßig
aufgeständert finden hier eine helle Empfangshalle und das ehemalige
Verkaufslokal - darüber im Zwischengeschoß Frühstückszimmer
und Gesellschaftsräume - Platz. Die schlanke Wirkung wird durch
die geschlossene Seitenfassade mit ihrem vertikalen Mosaikstreifen
noch gesteigert.
Während sich das ganz Österreich erfassende Hochhausfieber
Mitte der fünfziger Jahre anderenorts dem Thema Wohn- und Bürohochhaus
widmete, entstand in Salzburg, das vom Tourismus lebt, als erstes
Hochhaus ein sechzehngeschoßiges Hotel.
In der an landschaftlichen und architektonischen Qualitäten reichen
Stadt wird die visuelle Wahrnehmung durch eingeprägte Ansichten
und “schöne Aussichten" in besonderem Maße bestimmt. Konsequenterweise
bietet das Hotel Europa ausschließlich Zimmer Richtung Altstadt.
Darüber hinaus soll das Café im obersten, an drei Seiten
verglasten 16. Geschoß einen “herrlichen Rundblick auf die Gebirgszüge
des Salzkammergutes" ermöglichen. Der in eineinhalb Jahren aus
dem Boden gestampfte Betonsolitär behauptet sich selbstsicher
gegen die Stadtberge mit ihren tradierten Postkartenansichten auf
Altstadt- und Bergsilhouetten.
In der Blickachse Maria Plain-Altstadt gelegen, entzündete sich
bereits während des Baues des 56 Meter hohen Hotels eine intensive
Hochhaus- und Stadtbild-Diskussion. Besonders der Landeskonservator
des Bundesdenkmalamtes und der Salzburger Stadtverein kritisierten
diesen massiven Eingriff in das Altstadtbild. Der Salzburger Gemeinderat,
der das Hochhaus im Modernisierungs- und Machbarkeitsfieber des Wiederaufbaus
genehmigt hatte, war in der Folge dermaßen verunsichert, daß
er wenig später dem 42 Meter hohen Glockenturm der Kirche Herrnau
die Genehmigung verweigern wollte.
Als die Gemeindepolitik Mitte der neunziger Jahre fast einhellig dem
Abbruchantrag der Eigentümer des Hotel Europa zustimmte, war
das Argument, das Altstadtbild zu “sanieren", längst fragwürdig
geworden und hätte den Blick nur noch stärker auf das bauliche
Umfeld des Hotels gelenkt. Die sogenannten “Zylatürmen" als Teil
des ehemaligen CITY-Südtirolerplatz Wohn - und Geschäftszentrums
vom Anfang der siebziger Jahre sind Sinnbild eines Schulterschlusses
aus Politik, Stadtplanung und Bauträgern in den Jahrzehnten des
Wiederaufbaus. Die Stadtväter trugen jedoch bereits in den fünfziger
Jahren die stadtplanerisch problematische, extreme Verdichtung der
Gründe rund um das Hotel Europa mit. Josef Becvar hatte die wachsenden
Verwertungswünsche des Grundeigentümers Georg Jung durch
immer massivere Bebauungsvorschläge umgesetzt, schließlich
in Form eng gedrängter 10-geschoßiger Wohnblöcke.
Beim Hotel Europa hingegen entwickelte Becvar ungleich höhere
baukünstlerische Ambitionen. Er wollte in die damals rund 110.000
Bewohner zählende Stadt eine markante Dominante setzen. Um eine
elegante, schlanke Hochhausscheibe zu erreichen, wurde ein großer
Anteil an unökonomischen Gangflächen in Kauf genommen. Der
Hotelsolitär formuliert einen prägnanten Abschluß
des Bahnhofsplatzes nach Süden und setzt durch seine Breitseite
eine Zäsur Richtung Altstadt.
Die für den Salzburger Kontext beachtliche Modernität ist
der Versuch, an die zeitgenössische, internationale Architektur
anzuschließen. Dies verdeutlicht ein Vergleich mit dem etwa
gleichzeitig entstandenen, 1998/99 abgebrochenen Kongreßhaus
(Architekten Eugen Wörle/Max Fellerer, Wien; Otto Prossinger/Felix
Cevela, Salzburg) als Beispiel einer in Salzburg typisch zurückgenommenen
Modernität. Die Überlagerung der klaren Stahlbetonstruktur
mit repräsentativ-historisierenden Elementen zeigt die Ambivalenz
zwischen den Polen einer sich fortschrittlich gebenden Aufbruchstimmung
und eines Traditionsbewußtseins im Grenzbereich zum Plakativen.
Die Sichtweise, das Hotel Europa als besonders fragwürdigen Schandfleck
für das Stadtbild Salzburgs zu werten, wurde in der Diskussion
in Folge des Abbruchantrags Mitte der neunziger Jahre immer stärker
relativiert. So steht mittlerweile die städtebauliche Bedeutung
für den Bahnhofsvorplatz wie für den baulich mittlerweile
ausgeuferten Norden der Stadt außer Streit.
Die Leserbriefe in den Salzburger Nachrichten Anfang 1995 umkreisen
das facettenreiche Symbol des Wiederaufbaues von verschiedenen Seiten.
Neben der Ablehnung als Bausünde, ob nun “Monster-Bauwerk", “seelenloser
Zweckbau", “Stehkäse" u.a.m., verbanden viele Menschen positive
Emotionen und angenehme Erinnerungen mit dem Hotel als städtischem
Lebensraum: “Egal ob schön oder nicht, wir Salzburger leben schon
lange mit dem Bau. Ihn abzureißen heißt auch, einen Teil
unseres Lebens zum Verschwinden zu bringen. Laßt das Europa
stehen!" (K. Breuner, 20. 1. 1995) Der Besuch des Panoramacafés,
Rendezvous, Verlobungsfeiern oder das letzte Frühstück vor
der Trauung sind nur einige der Erinnerungen. Ein Leser schätzt
den täglichen Blick aus seinem Fenster auf die geliebte Salzburger
Skyline mit Europa und Stauffen im Morgenlicht: “Es fehlt doch ohnehin
an (Kirch)türmen in dieser Gegend, und Türme braucht der
Mensch. Bei meinen regelmäßigen Blicken aus dem (WIFI)-Fenster
sähe ich nichts Erbauendes mehr......", schrieb eine Frau aus
Hof. “Wenn ich aus Richtung Norden nach Salzburg einfahre ist das
Europa ein Stück Heimat für mich" (Helene Kleinholz, 21.
1. 1995).
“Bei den jüngeren Semestern überwiegt das Ja zum Hotel ganz
deutlich." Dies ergab eine Zwischenbilanz der SN bei 120 Leserbriefen
(21. 1. 1995), wobei die Abrißgegner eine knappe Mehrheit stellten.
Die Erhaltung des Hotels war lange Zeit nicht absehbar, da sich das
Bundesdenkmalamt in einem von der INITIATIVE ARCHITEKTUR angeregten
Unterschutzstellungsverfahren nicht dazu durchringen konnte, das Hotel
als schützenswertes Denkmal einzustufen. Anfang 1996 attestiert
ein Statiker-Gutachen des Hauseigentümers dem Hotel Europa Abbruchreife.
Der Mangel an besseren Verwertungsmöglichkeiten des Grundstücks
verhinderte allerdings den Abriß.
Der in Salzburg lebende amerikanische Fotograf Andrew Phelps hält
seit einigen Jahren das Hotel in Bildern fest, um es vor dem ehemals
geplanten Abbruch zu dokumentieren. Er schuf eindrucksvolle Bildkompositionen
jenseits reiner Dokumentationen und konzentrierte sich auf Stimmungen,
ob in der Eingangshalle oder in den Gängen und Zimmern. Seine
Motive zeugen vom Wandel eines Gebäudes, das nach internationalen
Hotelstandards ge- und in der Folge umgebaut wurde. Diese Veränderungen
gingen zu Lasten der gestalterischen Qualität. Die Schwarz-Weiß-Fotografien
frieren das Nebeneinander und die zeitlichen Überlagerungen ein.
In der Auswahl wurde ein Bogen geschlagen von der reduzierten Einfachheit
der fünfziger Jahre bis zum plüschigen Hotelambiente der
achtziger Jahre. Hotelausstattungen sind allerorts international austauschbar,
gleicher “Standard" von genormter Banalität.
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